Theaterabende der DS-Kurse am 16. und 17. Mai 2019

Man darf immer wieder aufs Neue gespannt sein, welches Theaterprojekt sich die Oberstufenschüler im Fach Darstellendes Spiel vorgenommen haben. Auch in diesem Schuljahr unterschieden sich die beiden Vorführungen sowohl inhaltlich wie auch im Charakter des Stückes. Beide Produktionen wurden von den Kursteilnehmern selbst entwickelt und mit großer Spielfreude dem Publikum in der Aula der JGS vorgestellt.

Der Kurs unter Leitung von Christoph Meyer thematisierte eine ethische Fragestellung: Was lässt eine Person in den Augen anderer Menschen als „gut“ oder „böse“ erscheinen? In vielen Einzelszenen werden zunächst sechs Personen in Alltagssituationen vorgestellt. Ihr Auftreten lässt schnell auf die Rolle schließen, auf die sie ihre Umgebung festgelegt zu haben scheint, im positiven wie im negativen Sinne. Aber was verbirgt sich wirklich hinter diesem vordergründigen Erscheinungsbild und was hat einen Menschen zu dem gemacht, was er in den Augen der Gesellschaft ist? Weitere Spielszenen beleuchten die jeweilige Figur von einer unerwarteten Seite her, die sie in einem anderen Licht dastehen lässt. Da ist der heruntergekommene Obdachlose, der sich einerseits über geringe Almosen ereifert, mit denen er in der Regel abgespeist wird. Für Kinder hat er aber ein Herz und schenkt ihnen einen seiner Luftballons. Eine alleinerziehende Frau möchte die perfekte Mutter sein, erträgt es aber umso weniger, dass sie die Zuwendung ihrer Kinder mit ihrem Ex-Mann teilen soll, den sie von ihnen abzuschirmen versucht, bis ihr Beziehungskrieg ein furchtbares Ende nimmt. Ein junger Mann muss eine Haftstraße verbüßen, weil er einen Menschen getötet hat. Der, in dem alle nur den brutalen Mörder sehen, hadert mit seinem Gewissen und verzweifelt daran, dass er das Geschehene nicht wieder rückgängig machen kann. Wer weiß schon, dass der „Mord“ ein missglückter Versuch war, eine Frau vor dem Gewaltausbruch ihres Ex-Mannes zu schützen? Von allen gehasst wird auch eine junge Frau, die ihren Mitmenschen mit äußerster Schroffheit begegnet und nur Wert auf ihr perfektes Äußeres zu legen scheint. Wie ausgewandelt ist sie jedoch, wenn sie sich um einen geistig zurückgebliebenen Jungen kümmert, von dem allein sie ins Herz geschlossen wird. Auch der Aggressivität eines Jungen gegenüber zwei Mädchen, die von ihm brutal zusammengeschlagen werden, liegt eine tiefe Demütigung durch seine Klassenkameraden zugrunde. Mit ostentativer Fröhlichkeit möchte eine Frau dem Chaos der Welt trotzen. Doch gerade mit ihrer unerschütterlichen Heiterkeit bringt die Krankenschwester ihre Kollegen gegen sich auf und auch ihr Partner wendet sich von ihr ab. Was lehren all diese Beispiele?  Wir alle leben in einer Welt der gegenseitigen Schuldverflechtung. Niemand ist nur „gut“ oder nur „böse“, sondern man ist zugleich Gestalter wie Opfer seiner Rolle, in der einen andere sehen wollen.

Mit dem Stück „Das weiße Kaninchen in dir“ hat der DS-Kurs unter Leitung von Maria Junek Motive aus dem Romanklassiker „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll aufgegriffen. In vielen turbulenten und witzigen Einzelszenen wird beschrieben, welche Folgen das Eindringen des Mädchens im Wunderland für das weiße Kaninchen hat. Es wird von seiner herrischen Königin beauftragt, Alice ausfindig zu machen und zu ihr zu bringen, denn schließlich hat es ja das neugierige Kind überhaupt erst in ihr Reich gelockt. Alice findet nach  ihrem Sturz durch das Loch der Kaninchengrube eine Welt vor, deren merkwürdige Figuren sie an den Rand des Wahnsinns treiben. Jede absurde Begegnung wird von einer weiteren an Absurdität übertroffen. Soweit der bekannte Plot des Romans, dessen Figuren für die Kursteilnehmer ideale Vorlagen zum Improvisationstheater boten. Hieraus wurde dann im Verlauf des Schuljahres ein dramaturgisches Konzept entwickelt, dass die eigenen Erfahrungen der Schüler einbinden konnte. Ist nicht auch der Alltag der Jugendlichen voller Absurditäten, in denen sie wie Alice zum Spielball von unerfüllbaren Forderungen, aber auch gefährlichen Verführungen werden? Welche Fluchtwege dabei ergriffen werden, um ein eigenes Wunderland – eben „das weiße Kaninchen in dir“ – zu finden, wird an zwei Beispielen aufgezeigt. Sowohl Drogen auf der Party als auch Computerspiele können zu solch einem Kaninchen werden, das einen in die Zauberwelt lockt, ohne aufzuzeigen, wie man von dort wieder zurückkehrt. Alice muss erst lernen, gegen den drohenden Kontrollverlust anzukämpfen. Wie werden die beiden Jugendlichen aus ihren Zauberwelten zurück in die Realität finden?

Zwischen den beiden Vorführungen präsentierte der Kunstkurs von Frau Felmeden Kurzfilme, die im Stop-Motion-Verfahren produziert wurden. Dabei wurden Kohlezeichnungen mehrfach fotografiert, wobei sie vor jeder neuen Aufnahme zuvor verändert wurden. Trotz der Kürze der Filme, die dem aufwendigen Verfahren geschuldet ist, konnte immer eine kleine Botschaft aus den in Bewegung geratenen Zeichnungen transportiert werden.

Für die abwechslungsreichen Abendvorstellungen, die das Publikum zum Nachdenken und zum Lachen bewegten, sei allen Ausführenden und Helfern gedankt!

Bericht und Fotos: Rainer Lehn

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