Zum 20. Mal „Gegen Vergessen – für Demokratie“: Vortrag von Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer

„Warum Geschichte – warum erinnern?“ lautete der Vortrag von Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer zum Thema Erinnerungskultur in Deutschland. Der Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus wurde am17. Mai von Schulleiterin Sabine Amlung in der Aula begrüßt, die mit Blick auf das 20jährige Jubiläum der JGS-Vortragsreihe an einige Höhepunkte der vergangenen Jahre erinnerte, so z.B. an den Besuch von Joachim Gauck (2009), an den Vortrag über den Offizier Wilm Hosenfeld von Hermann Vinke (2016) oder an den Bericht über die Jakob Grimm Schule als Gefangenenlager im Zweiten Weltkrieg, vorgestellt vom ehemaligen Geschichtslehrer unserer Schule, Dr. Heiner Nuhn (2017). Wie in den Jahren zuvor wurde die Veranstaltung initiiert von Kurt Meyer in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Geschichte, der im Rahmen eines Projekttages für drei Grundkurse und einen Leistungskurs Prof. Thamer in die Schule eingeladen hatte. Die in Plakatform präsentierten Schülerarbeiten dokumentierten, wie intensiv sich die nun bei dem Vortrag anwesenden Schüler mit einzelnen Personen der Zeit des Nationalsozialismus befasst hatten.

Prof. Thamer, der zunächst einen Rückblick auf die eigene Schulzeit an der JGS gab, gliederte seinen Vortrag über die Erinnerungskultur der Deutschen in vier Abschnitte: individuelles Gedächtnis, Generationen-Gedächtnis, kollektives Gedächtnis und kulturelles Gedächtnis. Am Beispiel der jüngst in Trier errichteten Karl-Marx-Statue sowie des Berliner Mahnmals für die ermordeten Juden machte Thamer zunächst deutlich, dass die Erinnerungskultur selbst einem Wandlungsprozess unterliegt. Beim Versuch der objektiven Darstellung des Vergangenen – Thamer referierte in diesem Zusammenhang die kritische Aufnahme der von ihm begleiteten Wanderausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ – müsse immer die subjektive Wahrnehmung von Zeitzeugen bedacht werden. Gerade bei der Ausstellung von Untaten der NS-Zeit sei ihm bewusst geworden, wie sensibel man in der Darstellungsform mit Informationen über die Täter sein müsse. Dies ließ er in die Aussage münden, dass die Rekonstruktion der Vergangenheit durch Zeitzeugen an ihre Grenzen stößt, da insbesondere das individuelle Gedächtnis nicht frei von subjektiver Filterung des Erlebten sei. Mit Blick auf das Generationen-Gedächtnis legte er dar, wie allein schon wenige Jahre Unterschied zwischen den einzelnen Kriegsjahrgängen dazu führten, dass die Rückerinnerung an die Zeit der Nazi-Diktatur unterschiedliche Bewertungen erfahren habe. Zudem sei die Wahrnehmung des Dritten Reiches als Zeit der Unterdrückung auch davon abhängig, aus welchem sozialen Milieu der Zeitzeuge stammt und wie sehr er sich an die Verhältnisse anpasste oder sich ihnen widersetzte. Wie empfindlich auch das kollektive Gedächtnis auf Korrekturen der Rückerinnerung reagiert, veranschaulichte Thamer am Beispiel der Umbenennung von Straßen oder Plätzen. Aus eigener Erfahrung konnte er berichten, auf welchen Widerstand die Umbenennung des Hindenburgplatzes in Münster (die Stadt, in der er an der Universität wirkte) stieß, die nunmehr Schlossplatz heißen sollte, da man Hindenburg nicht länger diese Form der Ehrung zuteil werden lassen wollte. Thamer unterstrich hier die Rolle der 68iger Studentenbewegung, die das kollektive Schweigen der Elterngeneration durchbrechen wollte. Er erwähnte aber auch deutsche Filme der 5oiger Jahre, die sich bereits früher sehr kritisch mit der Kriegsschuld der Deutschen auseinandergesetzt hätten.

Im Anschluss an den Vortrag nutzten Schülerinnen und Schüler der Oberstufe die Gelegenheit, Prof. Thamer Fragen zu seinem Vortrag stellen zu können, die sich auch aus ihrer Beschäftigung mit der NS-Zeit an diesem Projekttag selbst ergeben hatten. 

Bericht: Rainer Lehn

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