Zwerge in der Welt des Mammons

Schüleraustausch mit Szczecin (Polen) vom 6. bis 12.4.2014

Schüleraustausch mit Polen im zehnten Jahr – eine Gelegenheit, wieder einmal Frankfurt am Main als Exkursionsziel zu wählen. Viele Gründe sprechen dafür: die einzigartige Hochhaussilhouette; das überschaubare Zentrum mit seiner fast familiären Ausstrahlung; die internationale und multikulturelle Atmosphäre; die leichte Erreichbarkeit, und vor allem: das wunderbare „Haus der Jugend“ am Deutschherrnufer, ein klassischer Fünfziger-Jahre-Bau an der Alten Brücke mit Blick über den Main, ein paar Schritte vom Römer entfernt, mit weltläufigem Hostel-Feeling und trotzdem von übersichtlicher Größe.

Unsere Gäste vom Liceum VII in Szczecin kamen am Sonntagabend nach langer Bahnfahrt an, um erst einmal eine Nacht in der Gastfamilie zu verbringen. Die folgenden drei Tage verbrachten wir in Frankfurt, um dann zurückzukehren und am Donnerstag in der Schule die Ergebnisse des Projekts „Leben in der Metropole“ auszuarbeiten und zu präsentieren. Freitag – der letzte Schultag vor den Osterferien – war auf Wunsch der deutschen Schüler „Familientag“, den die Gastfamilien für Ausflüge nutzten. Am Samstag früh um 7.31 h begann die Heimreise für die polnische Gruppe.

Der erste Tag war dazu gedacht, die Stadt kennen zu lernen. Wie macht man das für eine zweisprachige Gruppe, deren historisches, künstlerisches und architektonisches Interesse (vermutlich) begrenzt ist? Eine klassische Stadtführung mit Übersetzung eignet sich nicht so gut (Schülermeinung: „langweilig …“; „zu passiv …“). Wir bereiteten daher eine Fotorallye mit 20 zweisprachig formulierten Fragen vor, die sich um Brunnen und Denkmäler in der Frankfurter Innenstadt drehten. Von diesen gibt es erstaunlich viele! Deutsch-polnische Vierergruppen zogen also durch die Stadt für originelle Fotos und Aktionen – originell etwa, indem sie die Posen der Figuren des Struwwelpeter-Denkmals nachstellten. Oder die Bedeutung von „Bulle“ und „Bär“ vor der Börse im Internet recherchierten …

Nächster Tag: Senckenberg-Museum, neben Dinoskeletten und Tierpräparaten mit einer beeindruckenden Sonderausstellung – Menschen aus der ganzen Welt sprechen über ihr Leben und woran sie glauben – man konnte lange sitzen, zuhören und sich verzaubern lassen.

Dann: Zeit für das Projekt! Die Themen reichten von „Menschen am Hauptbahnhof“ über „Multikulturelles Leben“ bis zum etwas makabren „Sterben in Frankfurt“ (oder „Was ist los auf dem Hauptfriedhof?“). Unter den Projektrealisationen ragten zwei heraus:

„Leben am Westhafen“ – zusammen mit der Darstellung des Wohnviertels transportieren die Fotos die Zuneigung und Sympathie der vier Mädchen untereinander.

„Das Bankenviertel“ – auf den Fotos erscheint die glitzernde Pracht der Paläste von Commerzbank & Co im Kontrast zur Winzigkeit der Mädchen, die sich zwischen ihnen gleichwohl selbstbewusst bewegen – „Zwerge in der Welt des Mammons“ eben!

 

Der dritte Tag in Frankfurt war projektfrei und dem Sightseeing gewidmet – der Flughafen (für die polnischen Schüler meistens neu und aufregend, während die deutschen abwinkten „… kennen wir schon!“) und die Aussicht vom Maintower waren die Highlights. Am späten Nachmittag fuhren wir mit der Bahn nach Hause.

Technische Schwierigkeiten: man sollte meinen, im Zeitalter des digitalen Fotos wäre es ein leichtes, alle Fotos auf einen Computer zu überspielen, auf einem Stick zu sammeln, auszudrucken usw. Mitnichten! Anscheinend gibt es bei der Speicherung so viele Systeme wie Hersteller, und nur wenige sind miteinander kompatibel. Wäre ja auch zu schön, wenn die Menschheit sich mal einig wäre! Einen kleinen Teil der Projekte konnten wir daher im Laufe des Austauschs nicht präsentieren – es gelang einfach nicht, die Fotos auszudrucken.

Sprachliche Schwierigkeiten: der Projektauftrag lautete: „Finde zu jedem Foto einen originellen Kommentar und übersetze ihn ins Polnische!“ Unerwartet schwer und Kopfzerbrechen bereitend! Nicht nur begrenzter Sprachkenntnisse wegen! Wir merkten: Wortspiele und Anspielungen z. B. lassen sich einfach nicht übersetzen. Ein Beispiel: die Unterschrift zu den „Liebesschlössern“ am Eisernen Steg: „Schluss trotz Schloss?“ – auf polnisch funktioniert das Spiel mit den Wörtern „koniec“ und „kłódka“ bzw. „zamek“ aber nicht …

Nun gut – aus Schwierigkeiten lernen wir und machen es das nächste Mal besser. Den Austausch insgesamt empfanden wohl alle als gut gelungen – schönes Wetter (wofür wir nichts konnten), ganz ordentliche Organisation und Kommunikation (wofür wir schon mehr konnten), und schließlich Sympathie und gutes Verstehen zwischen den Partnern und in der gesamten Gruppe (das allerwichtigste beim Austausch überhaupt) kamen zusammen und ergaben eine wirklich gute Mischung. Wir sind sicher, dass es im Herbst, wenn wir nach Polen fahren – mit neuen Teilnehmern von deutscher Seite – ebenso interessant und schön werden wird.

Zum Schluss ein großes Dankeschön an das Deutsch-Polnische Jugendwerk, Polsko-NiemieckaWspółpracaMłodzieży, das uns wieder, wie jedes Mal, finanziell großzügig unterstützt hat. Nur dadurch wird ein solcher Austausch erst möglich!

Zur Bildergalerie!

Das deutsche Leitungsteam: Brigitte Meyer-Christ, Gernold Jansky.

Autor: Gernold Jansky.

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