Das selbstverständliche Fremde: Ein homosexueller Abiturient als Interviewgast in einer 9. Klasse

Seit über zwei Jahren gibt es ihn an der JGS – den ersten „offiziellen“ Homosexuellen. Bereits im Alter von 15 Jahren hatte sich damals Lukas Steinbach ‚geoutet‘ und stellt damit in gewisser Weise eine schulinterne Berühmtheit dar. Sein Name fiel daher des Öfteren in der G9c, die im Religionsunterricht das Thema „Liebe, Partnerschaft, Sexualität“ auf dem Plan hatte.

Natürlich sind Homosexuelle heutzutage etwas ganz Normales, nichts Fremdes mehr und sowieso völlig selbstverständlich … soweit die Theorie und auch die Grundhaltung aller Schülerinnen und Schüler. Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass Toleranz und Vorurteile sich keineswegs ausschließen: Ein Schüler äußerte, er sei ganz überrascht gewesen, dass es die Homosexualität von Lukas im Gespräch gar nicht bemerkt habe, dass er gar nicht „tuntig“ gewesen sei. Auch die Frage, was Lukas denn mit seinem Freund „so als Paar alles mache“ zeugt davon, dass Homosexualität trotz besten Willens noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.

Überrascht und angetan jedenfalls waren die SchülerInnen über die Offenheit, mit der Lukas mit seiner Neigung umgeht – „gar nicht zickig“ reagierte er selbst auf direkte, offene Fragen.

Mit 14 sei ihm bereits klar gewesen, dass er von der Norm abweicht, was für ihn nur ein kleiner Konflikt gewesen sei. Offenbar aus elterlichem Instinkt heraus fragte ihn kurze Zeit später seine Mutter, ob er denn schwul sei, während er sich im Freundeskreis nur beiläufig outete. Und von wenigen Ausnahmen abgesehen erlebe er auch keine negativen Reaktionen auf seine Sexualität, doch „manche Leute sind auch einfach resistent dagegen“, etwas einzusehen, was nach Lukas‘ Erfahrung eher jüngere als ältere betreffe. Selbst seine Großeltern, bei denen er große Angst hatte sich zu offenbaren, hätten ruhig und verständnisvoll reagiert. Und so ging und geht er früher etwas provozierend, heute offen und lächelnd mit seinem ‚Anders-Sein‘ um. Selbst Witze hierüber gehören für ihn zur Normalität, solange sie nicht mit gezielt abwertenden Beleidigungen einhergehen. Und so möchte er bei seiner Hochzeit auch nicht das Brautkleid tragen, wie er auf augenzwinkernde Anfrage ebenso augenzwinkernd äußerte, sondern überhaupt nicht heiraten. Auch Kinder gehören nicht zu seinen Zukunftsplänen, da es angesichts möglicher Diskriminierungen für Kinder nur von Nachteil sei, gleichgeschlechtliche Eltern zu haben. Hier wird seine Haltung ambivalent: So normal und natürlich Homosexualität für ihn auch ist, spürt er doch offenbar sehr genau, dass diese auf verbreitete Ablehnung stößt – und nimmt sie als gegeben hin. Daher versteht er auch im Jugendjargon nicht ungewöhnliche Aussagen wie „das sieht aber schwul aus“ nicht als persönliche Diffamierung, sondern erwidert auf die Frage nach dem Umgang mit der schwulenfeindlichen Alltagssprache: „Das ist halt so, die Leute wissen es nicht besser.“

Aber um genau das zu ändern, war er ja in die G9c eingeladen – und räumte mit einer weiteren typischen Fehleinschätzung auf: Lukas zufolge gibt es in homosexuellen Beziehungen nicht immer eine ‚weibliche‘ Rolle. Dass wir Heteros solches annehmen, sei allein unserem Versuch geschuldet, einen Vergleich herzustellen. Das offene und bewusst „tuntige“ Verhalten mancher Schwulen sei mit Weiblichkeit nicht zu verwechseln, sondern nach seiner Einschätzung vielmehr der Versuch, die eigene homosexuelle Identität für sich selbst und andere zu bestärken. Man könnte hieraus also schlussfolgern: Die bestehenden Klischees über Homosexuelle werden von diesen z.T. reproduziert, weil die Klischees einen Anhalts- und Orientierungspunkt für das eigene Verhalten bieten. Eine andere typische Annahme dagegen konnte Lukas bejahen. Im Vergleich zu anderen Männern legten Schwule mehr Wert auf ihr Äußeres, evtl. um sich nach Diskriminierungen selbst zu beweisen oder aber schlicht und einfach, um den eigenen Marktwert zu erhöhen. Aber auch in dieser Beziehung sei die Unterscheidung schwierig: Das „Gaydar“, mit dessen Hilfe Schwule andere Schwule erkennen könnten, gebe heutzutage oft falschen Alarm, weil viele Heteros gar nicht heterosexuell wirkten.

Das Gespräch schloss, als wäre die Frage durch ein Drehbuch vorgegeben, mit der Frage, was denn das Besondere an lesbischen und an schwulen Paaren wäre, worauf Lukas so kurz wie plausibel erwiderte, dass es da nichts Besonderes gebe – lesbisch zu sein sei genauso normal wie schwul zu sein und beides genauso normal wie heterosexuell zu sein. Genau diese unverkrampfte Lockerheit überraschte, so klang es im anschließenden Auswertungsgespräch an, die Schülerinnen und Schüler enorm. Diese Lockerheit habe Normalität vermittelt – weil er selber „damit“ klar kommt, können andere „damit“ klar kommen, so der Grundtenor des Relikurses. Und weil Lukas so normal wirkte – was den Erwartungen einiger Lernender durchaus widersprach – verfestigte sich der Eindruck, dass auch seine Sexualität etwas ganz Normales sei.

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